26. März 2009

Aroldo
Ich wohnte mit meiner Mutter und meinen Brüdern im Stadtteil „Panamericano“. Wir waren acht Geschwister, vier Jungs und vier Mädchen. Mein ältester Bruder ist tot. Als er gestorben ist bin ich wieder auf die Straße gegangen. Ich bin schon vorher dort gewesen, aber ich bin immer wieder nach Hause zurückgekehrt und ging zur Schule.
Er ist erschossen worden, er war süchtig nach Haschisch und klaute viel. Er war sehr schlimm. Er hat sogar schon einmal unseren Nachbarn überfallen und war ein paar Mal in der Einrichtung „FEBEM“ untergebracht worden. Als er das letzte Mal entlassen wurde ist er nach Hause gekommen. Eines Tages traf er auf der Straße einen Typen, mit dem er schon Ende des Jahres Streit gehabt hatte. Der ging ganz nah an meinem Bruder vorbei und sagte zu ihm:
„Der Tag ist gekommen!“
Nachts stand mein Bruder vor dem Haus meines Onkels; er hatte das Baby meiner Cousine auf dem Arm. Der Typ kam auf einem Mofa vorbeigefahren und hat fünfmal auf meinen Bruder geschossen. Zwei Schüsse haben ihn getroffen. Mein Bruder hat das Baby auf den Boden fallen lassen. Eine Kugel hat seine Lunge getroffen, die andere ist in der Wirbelsäule stecken geblieben. Mein Bruder ist nicht sofort gestorben, er war vorher einige Zeit im Krankenhaus.
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20. März 2009
Oi meine allerliebsten Homies,
Ich sitze im sitio am Tisch und schreibe auf dem Computer einer der Praktikantinnen hier. Das ist neu….aber noch so viel anderes ist neu. Ich musste mit Schmerzen feststellen, wie schnell die Zeit vergeht. In meinen Gedanken zuhause war hier natürlich noch alles wie immer. Aber leider bleibt die Zeit nicht stehen. Hab ich ja letztes mal schon feststellen müssen. Aber diesmal war es kurzzeitig wie ein kleiner Hammerschlag auf den Kopf. Zunächst einmal bin ich rechtzeitig in Fortaleza gelandet und nach meiner Angst, Emanuel könnte mich vergessen haben – absurdere Ängste kann man doch eigentlich gar nicht haben – haben mich mein bester Freund Emanuel und sein Bruder Samuel und noch ein Freund vom Flughafen abgeholt. Nach reichlich Cachaca sind wir dann in meine Stammschwulen- und Lesbendisko gegangen. Der selbe DJ, aber irgendwie nicht mehr die selben Leute von damals…
In der Familie Emanuel hat sich eigentlich nicht geändert. Ein Chaoshaufen wie eh und je. So musste ich lernen im Dunkeln auf Klo zu gehen, weil Emanuel es seit einem Jahr nicht schafft, das Licht heil machen zu lassen. Und wir müssen die Wohnung mit zwei Ratten teilen, die ich selbst zum Glück noch nicht gesehen habe. Auch da frag ich mich ob es hier nicht Möglichkeiten gibt, dagegen anzugehen. Der Abwasch stapelt sich auch wie immer – damit die Ratten auch immer gut was zu essen haben – und der Computer ist auch wie immer kaputt, weil Emanuel ständig Sachen aus dem Netz runterläd, obwohl dadurch alle 3 Monate der Computer wieder kaputt geht. Ich glaub ohne all das würde ich mich da gar nicht mehr zurecht finden.
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28. März 2008
Wellington, einer meiner geliebten Jungs aus dem sitio, ist tot. Ich kann`s kaum glauben und bin unsagbar traurig. Ich hab`s vorhin erfahren, als ich am Terminal Lagoa war um meine Kiddies zu besuchen. Wer sich nicht mehr an Wellington erinnert, aus meinen zahlreichen und unendlich langen mails: Wellington war der, den ich an meinem ersten Tag im sitio im Kombi kennenlernte, als er gerade nach Fortaleza gebracht wurde, weil er suspendiert war und den ich von Anfang an so sehr mochte. Der dann irgendwann wieder im sitio war, für mich Bilder gemalt hat, der mir Honig gebracht hat als ich krank war und am meinem Fenster stand, weil er sich sorgen machte. Mit dem ich manchmal nachts Heimlich rauchen war oder einfach so durchs sitio gestreift bin und so viele und lange Gespräche mit ihm geführt habe.
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19. Februar 2008
…Da ich am 14. März wieder Richtung Brasilien aufbrechen werde (diesmal jedoch nur für einen Monat und nicht für 10) um dort meine kleinen und grossen Lieben von der Straße und im Dorf zu besuchen, ist es mir ein grosses Anliegen einmal darauf hinzuweisen, das der Kleine Nazareno dringend noch Paten sucht für viele der Kinder. Das ist besonders wichtig, weil sich das Dorf mit zur Zeit 80 Kindern vor allem über Spenden finanziert. Vielleicht hat ja irgendjemand der vielen Homepagebesucher Lust eine Patenschaft zu übernehmen, oder erzählt es einfach weiter an andere die vielleicht Lust dazu haben….wie auch immer. In diesem Zusammenhang möchte ich zur besseren Vorstellung auf 7 Videos bei Youtube hinweisen, die man sich mal angucken sollte. Dort ist auch das Dorf zu sehen, in dem ich gearbeitet habe und viele der Kinder mit denen ich dort zusammen sein durfte.
http://www.youtube.com/watch?v=soRur2ZuCQY
Neben diesem link findet ihr auch die anderen Videos.
Sollte sich einer zu einer Patenschaft entscheiden, einfach über VAJA an mich wenden.
Licht und Liebe
Wiebke
24. Januar 2008
Da bin ich wieder, mit noch leichten Nachwehen meiner ominösen Krankheit… ..tja, da hat’s mich wohl mal wirklich erwischt. Und so habe ich die letzten Tage im Bett verbracht. Dazu komme ich aber am Schluss… Und wer jetzt denkt “na, dann hat sie diesmal ja nix zu erzählenâ€, da kann ich nur sagen “Nö! Hab ich wohl!â€
“Lavras de Mangabera” war eine super schöne Erfahrung für mich und ich habe letztes mal gemerkt, das ich beim Schreiben noch gar nicht wirklich für mich reflektiert habe, was da eigentlich so alles passiert ist. Dieser Trip wird mich auf jeden Fall für immer prägen und ich bin ganz furchtbar traurig, weil ich weiß, dass ich Eriswaldo wahrscheinlich nie wieder sehen werde.
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1. November 2007
Ich bin an dem Freitag vor zwei Wochen aus dem sitio weggefahren um dann am Montag nach São Paulo zu fliegen. Und wie ich ja bereits an dem Samstag geschrieben habe, habe ich mir noch für Rafael kräftig den Arsch aufgerissen, nur damit er im sitio bleibt. Aber ich hatte gleich schon so ein komisches Gefühl und abends habe ich dann von Claudia eine Mail erhalten, das Rafael nach einem Streit mit Vanderillo, über irgendein bescheuertes Schulheft, das Sitio verlassen hat. Tja, muss ehrlich sagen, vor drei Monaten hätte mich das noch stehend aus den Socken gehauen, diesmal habe ich nur kurz gedacht: Du Arsch, nochmal reiß ich mir für dich nicht so den Arsch auf (Wiederholung: 2 Punkte Abzug!). Als ich dann den Tag nach der Ankunft aus São Paulo auf der Straße war, habe ich ihn leider nicht getroffen, aber mich lange mit einer Straßenarbeiterin unterhalten, die ihn schon kennt, als er noch ein kleines Kind war , weil sie fast Nachbarn waren. Naja, und die meinte, Rafael hätte zu ihr gesagt, das er es dort im sitio nicht aushält, weil es eigentlich nur eine einzige Person gibt, die ihn wirklich mag, und das bin ich… .
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20. September 2007
Yes… ..diesmal mal aus ganz anderen Gefilden und diesmal auch keine lange Mail für Pipie inne Augen sondern einfach nur mal eine mail fuer gudde launääääää.
Ich bin jetzt also in Sao Paulo (glaube so 2000 Kilometer von Fortaleza entfernt… ..oder noch mehr?… man weiß es nicht) Jedenfalls kann ich nur sagen: “Sao Paulo I lov ya.” Sao Paulo ist MEINE Stadt. Ich weiß nicht was es ist, aber es fühlt sich gut an! Ich bin am letzten Montag hier angekommen und dann hat Alusio mich Nachts vom Flughafen abgeholt. Ich sollte eigentlich um 15.00 Uhr ankommen, war dann aber doch “schon” um 23. 00 Uhr da. Denn die Piloten haben sich entschlossen zur Zeit gerade zu streiken und so müssen einige Leute bis zu 24 Stunden auf dem Flughafen verweilen und warten das sie auf einen anderen Flug gebucht werden, den es dann vielleicht auch nicht gibt….das heißt, Chaos und Anarchie auf den Flughäfen Brasiliens…steht natürlich in Allen Zeitungen und vorgestern ist dann jemand vor lauter Aufregung nach 12 Std. Flughafen am Herzinfarkt gestorben. Wahrlich: kein schöner Tod!!
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13. September 2007
Seid gegrüßt all ihr Daheimgebliebenen. Und so beginne ich meine heutige Mail mit einem superschönen Zitat, das ich gefunden habe und das, wie ich finde den Nagel, vielleicht auch zur Zeit nur meinen Nagel, auf den Kopf trifft:
“Drei Dinge sind uns aus dem Paradies geblieben: die Sterne der Nacht, die Blumen des Tages und die Augen der Kinderâ€. Dieses Zitat ist gerade für mich zur Zeit so treffend und ich lasse es jetzt einfach mal unkommentiert (habe gerade versucht es zu kommentieren und es wieder gelöscht, weil es mir plötzlich sinnlos erschien!!)
Ich habe es, zumindest zu einem Teil, geschafft: Ich habe Rafael wieder ins sitio geholt. Gekommen sind wir zu dritt: Rafael, Felipe und ich. Geblieben sind zwei: Rafael und ich. Keiner kann sich vorstellen, wie ich die letzte Woche gekämpft habe. Am Ende war ich nur noch ein laufender Haufen. Meine Beine waren wie Pudding und meine Schulter war wie ein Klumpen Eisen an meinem Körper.
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5. September 2007
Einen wunder- wunderschoenen an alle meine treuen email-Leser da draussen….Hut ab, das ihr mir noch immer folgen koennt (Leute die aus Lesefaulheit eine mail uebersprungen haben werden mit Sicherheit Schwierigkeiten bekommen… ..ha!… Ne? Mutlu und Gunnar!?) Ach und uebrigens: Lesen bildet… .!! Ich werde jetzt mal wieder kraeftig in meiner Schatzkiste der tausend Unglaublichkeiten wuehlen um euch ein paar nette Geschichten zu kredenzen…
Ich habe mich letzte Woche Montag (immer noch mit Eriswaldo im Kopf) auf den Weg nach Horizonte (gesprochen Horisontschie… .kleiner brasilianisch-Kurs… ) gemacht um dort in der Einrichtung Nayela und Adìla zu besuchen. Das war, wie immer in Brasilien, mal wieder eine halbe Weltreise… .ueber ne Stunde mit dem Bus (das ist bei uns wie 20 Minuten zu rechnen). Das dann allerdings durch eine super schoene Landschaft… .Haaach, das ist gerade alles so super herrlich gruen hier… .dann hatte ich den Auftrag mitten in den Wallachoten vor einer Fabrik auszusteigen, von dort aus habe ich dann die Eduacadore der abrigo (Einrichtung) angerufen, die mir dann ein Mototaxi bestellt hat, mit dem ich dann ueber eine Huckelpiste zu meinem Ziel gelangt bin.
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30. Juli 2007
Vor ein paar Tagen im Bremer Hauptbahnhof: Um 16:29h fährt auf Gleis 10 ein Zug aus Hamburg ein. Ein kleines Grüppchen Menschen um die 30 lässt die Blicke in alle Richtungen schweifen und muss gar nicht lange suchen.

Barfuß, fröhlich und kreischend wie wir sie kennen kommt Wiebke auf uns zugestürmt und knutscht die Runde ungefragt der Reihe nach durch. Etwas müde sieht sie aus. Wen wundert es nach der langen Reise? Wen wundert es nach zehn Monaten Arbeit mit Straßenkindern in Brasilien? Müde aber trotzdem mit einem gewissen Funkeln in den Augen. Ein Funkeln, das vielleicht bedeutet: Viel gesehen, viel erlebt, aber doch ganz froh, wieder zu hause zu sein?
Willkommen zurück, Wiebke! Schön, dass Du wieder da bist!!!